In der anschließenden Diskussion wurde dieses moralische Spannungsfeld weiter vertieft – auch bezogen auf aktuelle Debatten innerhalb der Kirche. Denn kürzlich erst erschienen ist die Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland „Welt in Unordnung – Gerechter Frieden im Blick“, die sich ebenfalls mit dem Verhältnis von Gewaltverzicht, Schutzverantwortung und politischer Realität auseinandersetzt. Die Denkschrift betont den Schutz vor Gewalt als zentrale Voraussetzung für Freiheit und Gerechtigkeit, erkennt aber zugleich an, dass gewaltsamer Schutz in extremen Situationen als letztes legitimes Mittel in Betracht kommen müsse.
Eine Zuschauerin fragt, ob sich absoluter Gewaltverzicht und das Gebot der Nächstenliebe miteinander vereinbaren ließen – schließlich könne man sich auch durch Gewaltunterlassung schuldig machen. Mehrfach hingewiesen wird darauf, dass afghanische Ortskräfte, die für die Deutschen etwa als Übersetzer gearbeitet hätten, zurückgelassen wurden. Ob Kirche sich denn jetzt deutlich auf die Seite der afghanischen Helfer stelle, will eine Zuhörerin wissen. Der Umgang mit den zurückgelassenen afghanischen Helfern sei ein unethischer Verrat gewesen, findet ein weiterer Zuhörer klare Worte.
Der Abend macht deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt, auch nicht oder vielleicht gerade nicht für einen Militärpfarrer. In einer Welt „in Unordnung“, wie sie die EKD-Denkschrift beschreibt, fordert dies heraus und bleibt für Christenmenschen aber zugleich Auftrag zur Suche nach Gerechtigkeit und Frieden.
Text und Fotos: Andrea Wagenknecht